Der Luther-Moment • Behind the Scenes

Bedrohlicher Moment im multimedialen Theaterstück: Der Luther-Moment

Die Dreifaltigkeitskirche in Worms wurde in der Nacht vom 17. April mit einem atemberaubenden Projection-Mapping von Studio Eigengrau zu einer der größten Leinwände Deutschlands illuminiert. Im Jahre 1521 weigerte sich Martin Luther vor dem Wormser Reichstag, die revolutionären Ideen seiner 95 Thesen zu widerrufen. Ein prägendes Datum für Deutschland, die evangelische Kirche und die Welt. Die Konsequenzen seiner unbeugsamen Haltung und seine Überzeugung waren damals gefährlich für den Reformator, doch sein Wagemut sowie seine Standhaftigkeit wirken bis heute nach und haben unsere Weltanschauung neu definiert.


Im April 2021 wurde zum 500. Jahrestag eine Multimedia-Inszenierung mit dem Schauspieler Isaak Dentler in der Luther-Hauptrolle und einem virtuellen Konterpart Rufus Beck veranstaltet. Aufgrund der Corona-Situation wurde das einzigartige Theater-Event ohne Zuschauer aber mit einer aufwendigen SWR-Liveübertragung durchgeführt.

Team-Up von SL15 Media und Studio Eigengrau

Mehr als zwei Jahre wurde die Aufführung Der Luther-Moment geplant. Als Regie-Mastermind des ambitionierten Projekts entschied sich Projektleiter Fabian Vogt von der Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) für Parviz Mir-Ali von SL15 Media. Schnell war klar, dass man mit neuesten technischen Mitteln die zeitlose Botschaft Luthers multimedial in die Neuzeit transferieren möchte. Für das Motion Design, Projection-Mapping und -Operating „konvertierte“ man dementsprechend die Experten Hajo Rehm und Daniel Bandke von Studio Eigengrau. Die Berliner genossen viel künstlerische Freiheiten bei der technisch-kreativen Umsetzung des Video-Contents für die Projektion an der Kirchenfassade. Da Rufus Beck als virtueller Video-Darsteller zeitgleich mit dem realen Bühnengeschehen interagiert, war das Projekt in Bezug auf Timings besonders herausfordernd.

Inhaltlich arbeitete das Studio-Eigengrau-Duo in enger Abstimmung mit Parviz Mir-Ali sowie Fabian von Vogt zusammen. Um der Aufführung an manchen Stellen einen „retro-futuristischen“ Look zu geben, spielen manche Parts mit einer gewissen Steampunk-Ästhetik. Während der Aufführung reist man sowohl in die historische Vergangenheit zum Wormser Reichstag ins 16. Jahrhundert und arbeitet sich dann in Neuzeit zu vielen mutigen Ikonen vor, die in der neueren Zeit unsere Welt mit ihrem Mut prägten, etwa Gandhi, Martin Luther King, Sophie Scholl oder Carola Rackete.

Am FOH-Platz vor der Dreifaltigkeitskirche: Daniel Bandke beim Operating mit dem Watchout-System.

Monumentale Kirchenprojektion via Panasonic

Um auf die Botschaften effektvoll auf die 50 x 14m große Fläche an der Kirchenfassade zu projizieren, verwendete das Team zwei leistungsstarke Panasonic PT-RZ31K Laserprojektoren sowie einen Panasonic PT-RZ21 für eine weitere, kleinere Einspielung. Dynamik und Helligkeit waren für ein Projekt dieser Dimension absolut entscheidend.

„Wir wollten auf jeden Fall bei 120 Lumen pro Quadratmeter landen. Somit war schnell klar, dass wir zwei Panasonic RZ31K für die Hauptprojektion einsetzen. Wir haben sie zuvor bei der LANG AG für einen Test ausgeliehen und festgestellt, dass die Helligkeitswerte sogar über unsere Erwartungen lagen“, erklärt Daniel Bandke im EventElevator-Video zur Leistung der PT-RZ31K.

Erste Grundlagen für die Session, die Animationen und die Abläufe wurden in Adobe After Effects erstellt. Im Vorfeld wurde auch die Kirchenarchitektur via Punktlaser genauestens ausgemessen und ein 3D-Modell erstellt, sodass Studio Eigengrau diese Werte dann zur weiteren Bearbeitung in Cinema 4D übernehmen konnte.

Die Köpfe hinter Studio Eigengrau: Daniel Bandke (l.) und Hajo Rehm (r.)

Nach ersten Tests entschied man sich, die lichtschluckenden, dunklen alten Bleiglas-Fenster der Dreifaltigkeitskirche vor Ort zur besseren Projektion von außen mit weißen Projektions-Textil von Gerriets zu verhängen. So war es möglich, die gesamte Kirchenfläche detailreich in Szene zu setzen und auch mit Personen zu bespielen. Bei der Show operierte Studio Eigengrau mit zwei Watchout-Medienservern mit jeweils vier Outputs die parallel geschaltet im redundanten Backup liefen.

Zwei Panasonic PT-RZ31K brachten durch ihre lichtstarke Projektion die Wormser Dreifaltigkeitskriche zum Leben.
  • Die Outputs 1 und 2 (Auflösung: 1920 x 1200) wurden dabei für die Main-Fassadenprojektion verwendet.
  • Output 3 kam für die „kleine Projektion“ bei einer Bänkelsänger-Passage des Stücks zum Einsatz.
  • Output 4 fungierte für vorproduzierte Einspieler über HD-SDI-Wandler als Input zur Broadcast-Regie.
  • Alle acht Outputs liefen in eine DVI-Matrix von Lightware, um im Havariefall Main und Backup zu den einzelnen Destinations routen zu können.
  • Die DMX-Befehle für das Licht liefen via Art-Net in eine Kissbox; von dort mit einem Fünfpol-DMX-Kabel direkt in die grandMA-Konsole, um Trigger direkt ansteuern zu können. Hintergrund war, dass ein einheitlicher IP-Bereich von grandMA und Watchout nicht möglich war.

„Erleuchtung“ via ELATION Proteus Hybrid und SGM P6

Im Bereich Lichtdesign betreute Christoph Kaschky das Luther-Projekt. Mit Projekten FIRE. WATER. EARTH. 2.0 hat Kaschky bereits eindrucksvolle Lightshows in Kircheninnenräumen geschaffen. Diesmal war er im Außeneinsatz am Werk. Mit viel Liebe zum Detail betonte der Lichtdesigner die charakteristischen Architektur-Elemente der Wormser Dreifaltigkeitskirche atmosphärisch und jeweils passend zur Projektion. Auch auf der Bühne war eine intensive, mystische Atmosphäre für das Schauspiel gefragt.

Aufgrund der Outdoor-Fähigkeit setzte Christoph Kaschky auf der offenen Bühne acht ELATION Proteus Hybrid für Gegenlicht- und Beam-Effekte ein. Unterstützt wurde dies von 16 LITECRAFT PowerBarX.15 mit Diffusor-Linse, die ebenfalls auf der Bühne platziert wurden (für Fußlicht, Rampenlicht für Hauptbühne sowie Band und Orchester). Aufgrund der SWR-Übertragung hatte gutes Kameralicht Priorität. Dafür stationierte das Technikteam am zentralen FOH-Projektionsturm acht ROBE BMFL Blade für Vorderlicht und vorprogrammierte Verfolger-Aufgaben.

Auf der Bühne wurden acht ELATION Proteus Hybrid für Gegenlicht und Beam-Effekte eingesetzt. Weiterhin waren unter anderem noch 26 SGM P-6 für die Sockelbeleuchtung und Ambiente-Beleuchtung im Einsatz.

Rund um die Kirche waren weiterhin für die präzise Sockel- und Ambiente-Beleuchtung sowie an verschiedenen Positionen auf dem Kirchturm 26 SGM P-6 mit verschiedensten Filtern und Torblenden verteilt. Unterstützt wurde dies noch mit 24 LITECRAFT BeamX.7 IP, die nuancierte Lichtakzente am historischem Gebäude setzten. Bei den Requisiten des Stücks gab es ebenfalls einige Besonderheiten. In einer Drehorgel, die gleichzeitig als Zeitmaschine fungierte, versteckte sich ein Timecode-gesteuerter iMac. Die Außenseiten dieser Orgel waren mit DMX-gesteuerten LED-Strips versehen. In einer alten Zuglaterne die Luther während der Aufführung schwenkt platzierte man weiterhin ein via Remote steuerbares Ape Labs ApeCoin LED-Fixture.

Technischer Dienstleister für das Event vor Ort in Worms war das erfahrene Team von Medienpark Vision unter der Leitung von Christian Ruppel.

Die komplette Aufzeichnung des Stücks kann in der SWR Mediathek angesehen werden

Team & Technik von „Der Luther-Moment“ (Auszug):

  • Projektleitung: Fabian Vogt, Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN)
  • Regie, künstlerische Leitung: Parviz Mir-Ali, Renée Abe (SL15 Media)
  • Kreative Umsetzung, Motion-Design, Projection-Mapping und -Operating: Hajo Rehm, Daniel Bandke (Studio Eigengrau)
  • Lichtdesign: Christoph Kaschky
  • Technischer Dienstleister vor Ort: Medienpark Vision

Technische Details zum Video-Mapping:

Projektoren

  • 2 Panasonic PT-RZ31K für die Main-Fassadenprojektion (Umfang der Projektionsfläche Dreifaltigkeitskirche: 50 x 14 m)
  • 1 Panasonic PT-RZ21 für die kleinere Bänkelsänger-Projektion

Server

  • 2 DATATON Watchout-Medienserver mit jeweils 4 Outputs, parallel geschaltet im redundanten Backup.

Audiointerfaces

Infos: Es gab für die Kanalbelegung einzelne (Stereo-)Spuren, damit Lautstärken in den Mischungen für den Sendeton noch vor Ort in Watchout angepasst werden konnten. Die 16 Kanäle wurden direkt zur Mischung geschickt und dort konnte bei Bedarf zwischen Main und Backup umgeschaltet werden. So war sichergestellt, dass die Pegel immer korrekt waren und das der Timecode, sowie der Klick ohne große Unterbrechung im Havariefall geroutet werden konnte.

Für die Liveband gab es zudem ebenfalls noch Havariespuren, die bereits in Watchout angelegt und auf die Musikspuren geroutet wurden für den Fall das einer der Musiker durch Krankheit oder Corona kurzfristig ausfiel.

Die Show war in Teilen Timecode gesteuert und in Teilen wurden Cues durch den Schauspieler auf Keywords vorgegeben.

Lichtequipment

  • 2 MA Lighting grandMA2 Full Size (davon 1x Backup)
  • 1 MA Lighting grandMA2 3D für Visualisierung und Pre-Programming
  • 8 ELATION Proteus Hybrid (Gegenlicht, Effektlicht auf der Bühne)
  • 8 ROBE BMFL Blade (Vorderlicht, Verfolger)
  • 24 LITECRAFT BeamX.7 IP (Kirchenfassade, Kirchturm, Cue-Licht)
  • 16 LITECRAFT PowerBarX.15 mit Diffusorlinse (Fußlicht, Rampenlicht für Hauptbühne sowie Band und Orchester)
  • 26 SGM P-6 mit verschiedenen Filtern (Medium 19 Grad, 63 x12 Grad mit Torblende vierflügelig)
  • 2 1-kW-Stufenlinsen
  • 2 2-kW-Stufenlinsen
  • 2 Nebelmaschinen (Up-Nebelmaschine)
  • 2 Hazer

Zusätzliche LED-Lights/Module für die Requisiten

  • 4 LED Strips mit DMX-Controller (an der Drehorgel befestigt)
  • Ape Labs ApeCoin (Remote-Beleuchtung der Zuglaterne von Luther)