Fünf Jahre lang war die neue Mercatorhalle in Duisburg in Betrieb, ehe der neue Oberbürgermeister Sören Link wegen erheblicher Brandschutzmängel die Schließung anordnete. Das war im August 2012. Seitdem kommen immer neue Details über missachtete Brandschutzbestimmungen bei der Ausführung zu Tage. Es sind Hiobsbotschaften für die Stadt Duisburg und die Philharmoniker. Der Zeitpunkt der Wiedereröffnung der Multifunktionshalle ist noch ungewiss, ebenso die Kosten für die Sanierung.
Nun wurde dem Stadtrat im April in einer nichtöffentlichen Sitzung der Zwischenbericht des neubeauftragten Brandschutzgutachters Paul Corall vorgestellt. Dieser kommt zu dem Schluss, dass es in der großen Veranstaltungshalle mit über 1.700 Plätzen bei einem Brandfall „wie ein Ofen brennen würde“. Ein Brand unter der aufwändigen Holzvertäfelung könnte durch die Feuerwehr daher nicht gelöscht werden. Bei einer öffentlichen Begehung im August wurde bereits deutlich, dass Baubehörde, das beauftragte Architektenbüro, die an der Ausführung beteiligten Firmen sowie der TÜV Rheinland als Prüfbehörde eklatante Mängel nicht entdeckt hatten – oder nicht entdecken wollten: Fluchtwege wurden zu lang geplant, statt Brandschutzwänden wurden lediglich Rigipsplatten verbaut, selbst nach der Abnahme des Gebäudes blieben Rauchmelder nicht aktiviert, Brandschutztüren ließen sich nur schwer öffnen. Während der Nutzung als Veranstaltungs- und Konzerthalle kam es zu keinem Unglücksfall, doch die Mängel stellten letztlich ein unkalkulierbares Risiko zu Lasten der Besucher dar.
„Es wäre nicht das erste Mal, dass der politische Wille über einem Bauvorhaben steht“, bemerkt Markus Sorger, Veranstaltungstechniker und geborener Duisburger. Auf seinem Blog tour-blog.de wirft er die Frage auf, ob angesichts eines solchen behördlichen Unvermögens die Kontrolle über städtische Bauvorhaben weiterhin in öffentlicher Hand bleiben solle oder ob unabhängige Institute damit beauftragt werden sollten. Das scheint ein großer Schritt zu sein, doch vielleicht einer in die richtige Richtung: Der Brandschutzgutachter Markus Fuchs vom TÜV Rheinland, der mit der Prüfung betraut war, wünschte sich eine frühere Beteiligung, um baubegleitend prüfen zu können. So sei im Fall der Mercatorhalle die Decke bereits geschlossen gewesen und die im August beanstandeten Mängel schlichtweg nicht mehr sichtbar gewesen. Das Gebäude wurde trotzdem abgenommen. Sorger weist darauf hin, dass für bereits bestehende Gefahren und Risiken, die aus Baumängeln abzuleiten sind, Mieter und externe Veranstalter nicht haftbar gemacht werden können. Trotzdem steht für ihn die Sicherheit des Besuchers immer an erster Stelle.
Von Transparenz keine Spur
Mit einer Transparenzoffensive ist in Duisburg allem Anschein nach nicht zu rechnen, weder nach dem Unglück bei der Loveparade in Juli 2010 noch nach der Schließung der Mercatorhalle. Ganz im Gegenteil. Die Sitzung des Betriebsausschusses am 22. April 2013 verlief nichtöffentlich. Der Zwischenbericht des Brandschutzgutachters des Büros Paul Corall blieb bislang unveröffentlicht. Auf Rückfrage, wann mit einem Brandschutzkonzept zu rechnen sei, wird keine Auskunft erteilt. Zuständig sei hier die Pressestelle einer Münchner Fondsgesellschaft, die Hannover Leasing GmbH & Co. KG. Diese hat den Gebäudekomplex des Duisburger CityPalais, zu dem auch die Mercatorhalle zählt, kurz nach seiner Fertigstellung im Jahr 2007 erworben, wie die Pressesprecherin Yvonne Berg erklärt. Es handelt sich um eine sogenannte Public Private Partnership (PPP). In Zeiten von klammen Kassen bei den Kommunen ist diese Kooperation von privatwirtschaftlichen Unternehmen und öffentlicher Hand eine Allianz, die künftig immer häufiger zu finden sein dürfte. Als Bauherr trat die Münchner Fondsgesellschaft in diesem Fall nicht auf. Ob jedoch nicht von Anfang an der Plan bestand, den gesamte Komplex des 77.000 Quadratmeter großen CityPalais nach Fertigstellung an die Fondsgesellschaft zu verkaufen, bleibt offen. Was nun zu Tage tritt, sind zwei Dinge: eine billige Bauweise in einer nachlässigen Ausführung. Was konstatiert werden muss, ist das Versagen behördlicher Kontrollinstanzen.
Beim städtischen Immobilienservice IMD in Duisburg, der als Mieter ebenfalls in die Sanierung eingebunden ist, kann man die Kosten für die Nachrüstung des Brandschutzes bislang noch nicht beziffern. Auch ein Termin für eine Wiedereröffnung sei noch unklar, so Anja Huntgeburth vom IMD. Das betrifft als Nutzer vor allem die Duisburger Philharmoniker. Der große Saal der Mercatorhalle war bislang ihr Spielort. Sie treten derzeit im Theater am Marientor auf. Das Repertoire musste dem neuen Veranstaltungsort jedoch nicht angepasst werden. „Es gab Überlegungen, das Programm für den neuen Veranstaltungsort zu verändern. Das ist bislang aber nicht passiert. Am Ausweichort wird aber eine elektroakustische Anlage eingesetzt, die in der Mercatorhalle nicht notwendig gewesen wäre“, so Sabine Smolnik von den Duisburger Philharmonikern.
„Es gibt in Deutschland erschreckend wenig wirklich durchdachte Hallen“Kommentar von Markus Sorger
Eine Prüfung oder Beurteilung der Bau- und Brandsicherheit eines Venues ist für einen Techniker, der für eine Veranstaltung in das Gebäude kommt, in der Regel nicht möglich. Ich könnte beispielsweise in Duisburg nicht sehen, daß Rauchmelder in Zwischendecken nicht angeschlossen sind, oder vergessen wurde, die Staubschutzkappen abzunehmen. Nichtdestotrotz würde ich mir natürlich wünschen, daß bei Neu- und Umbauten nicht nur Finanziers, Politiker und Architekten schöngeistige Entwürfe diskutieren, sondern auch Menschen aus der Praxis mehr mit beteiligt würden, damit Gebäude auch im Alltag funktionieren. Oft erlebt man bei Umbauten, daß selbst die Hallentechniker unglücklich über die Ausführung sind, weil Arbeitsweisen unnötig kompliziert sind. Bei Neubauten wird viel zu häufig ebenfalls nicht an die praktischen Aspekte eines Gebäudes gedacht. Insgesamt muß man feststellen, daß es in Deutschland erschreckend wenig wirklich durchdachte Hallen gibt. Da könnten wir beispielsweise von Frankreich mit den Zenith-Hallen, von Skandinavien mit den unzähligen Konserthusets, oder selbst von Luxemburg mit der Rockhal noch eine Menge lernen.
Text: Michaela Maria Müller Foto: Wikimedia Commons/ZebraDS