Sennheiser setzte beim Eurovision Song Contest 2026 in der Wiener Stadthalle das bislang größte Spectera-System des Unternehmens ein. Als offizieller Audioausstatter des Host Broadcasters ORF unterstützte Sennheiser die Produktion mit vier aktiven Spectera Base Stations, rund 150 Livestreams für drahtlose Mikrofone, In-Ear-Monitoring und Steuerdaten sowie Vorserienmustern des Spectera Handsenders.
Die technische Produktion verantwortete Agorà. Das Technical Application Engineering Team von Sennheiser unter der Leitung von Jonas Næsby und Volker Schmitt begleitete den Einsatz des Breitbandsystems vor Ort.
ESC-Produktion mit hohem Redundanzanspruch
Der Eurovision Song Contest 2026 verwandelte die Wiener Stadthalle in eine komplexe TV- und Live-Produktion. Der ORF arbeitete unter der Leitung von Head of Sound Gerhard Jansa, Agorà war mit Projektleiter Valerio Motta für die technische Umsetzung eingebunden.
Volker Schmitt, Sennheiser Technical Application Engineering: „Die Vorfreude war überall spürbar, nicht zuletzt bei den technischen Dienstleistern. Der 70. Eurovision Song Contest versprach eine der technisch ambitioniertesten Produktionen überhaupt zu werden. Der ESC ist ja seit jeher ein Schaufenster für Innovationen – nicht nur im Audiobereich, sondern auch in der Video-, Licht- und Showtechnik.“
Valerio Motta, ESC-Projektleiter bei Agorà: „Eurovision ist eine schnell getaktete, dynamische und extrem anspruchsvolle Produktion. Solange alles reibungslos funktioniert, bleibt es ruhig, und mit Sennheiser an unserer Seite fühlte sich das gesamte Audioteam bestens unterstützt. Wir wussten: Selbst wenn Probleme aufgetreten wären – was nicht der Fall war –, hätten wir jederzeit auf diese Expertise zurückgreifen können.“
Motta sieht den Erfolg der Produktion im Zusammenspiel aus PA-Sound, Signalfluss und In-Ear-Qualität: „Ich glaube, dass ein einzigartiges Zusammenspiel unterschiedlicher Faktoren zum Erfolg des ESC beigetragen hat: hervorragender PA-Sound, optimierter Signalfluss und exzellente Audioqualität für die In-Ears der Künstler*innen. Dass es keine einzige Beschwerde seitens der Künstler*innen gab, bestätigt die Qualität ihres Hörerlebnisses während des gesamten Events. Der Einsatz von Spectera in einer so anspruchsvollen Produktionsumgebung und die Integration in Workflows dieser Größenordnung war nicht nur aus technischer Sicht spannend, sondern auch im Hinblick auf operative Flexibilität und Signalmanagement. Gerade bei Produktionen, bei denen Zuverlässigkeit und Geschwindigkeit entscheidend sind, machen Tools, die Komplexität reduzieren, einen echten Unterschied.“
Valerio Motta 8rechts9, ESC-Projektleiter bei Agorà (Foto: © ORF)Sound Room als zentrale Schaltstelle
Der Sound Room der Wiener Stadthalle war für Mikrofon- und IEM-Signale, die technische Vorbereitung der Artists sowie die Audioverteilung an die Ü-Wagen zuständig. Ausfallsicherheit war ein zentraler Planungsfaktor. Dazu gehörten zwei unabhängige Monitorpulte mit jeweils eigenem Engineer.
Insgesamt wurden sechs Spectera Base Stations eingesetzt. Vier Base Stations waren aktiv und übernahmen Audio- und Steuerdaten mit jeweils einem HF-Kanal. Eine weitere Base Station scannte dauerhaft das Spektrum und war bereits mit allen Antennen verbunden, sodass sie als Spare hätte übernehmen können. Die sechste Base Station war als zusätzliches Ersatzgerät vorgesehen.
Volker Schmitt: „Die Anforderung vom ORF war kurz und prägnant: ‚Wir brauchen Abdeckung in der gesamten Halle. Wir fingen mit zwei Spectera DAD-Antennen pro Base Station an, Bühne rechts und Green Room links, damit hatten wir bereits volle Sende- und Empfangsleistung für die gesamte Halle. Für zusätzliche Ausfallsicherheit haben wir dann zwei weitere Antennen pro Base Station ergänzt. Zudem gab uns eine speziell für dieses Event entwickelte Firmware-Variante einen Ausblick auf kommende Funktionen, die vor Ort benötigt wurden, etwa einen Level-Recorder.“
Ein HF-Control-Center im Sound Room lieferte über die Spectera WebUI und die Sonoros App einen durchgehenden Überblick über den Status aller Spectera Funkmikrofone und In-Ear-Systeme.
Crew mit Herz: Das gesamte Audioteam spendete für das St. Anna Kinderspital in Wien (Foto: © ORF)Glasfaser, DAD-Antennen und flexible Abdeckung
Die Verkabelung zwischen Sound Room und FOH wurde mit Glasfaserkabeln realisiert. Die Rückwandlung auf Kupfer erfolgte über IT-Medienkonverter. Dadurch konnten die abgesetzten Antennen mit voller Leistung betrieben werden.
Jonas Næsby, Sennheiser Technical Application Engineering: „Wir nutzten Glafaserkabel zwischen Sound Room und FOH, und wandelten das Signal mit normalen IT-Medienkonvertern zurück auf Kupfer. Damit hatten wir die volle Leistung der abgesetzten Antennen, und nicht den üblichen Kompromiss, den klassische RF-over-Fibre-Konverter mit konventionellen Drahtlosystemen darstellen.“
Zusätzliche Spectera DAD-Antennen hinter der Bühne stellten die Abdeckung sicher, wenn Künstler*innen den Bühnenbereich von hinter der Videowand aus betraten.
42 Sekunden für den nächsten Act
Beim ESC bleiben zwischen zwei Acts nur 42 Sekunden. Für die jeweils dreiminütigen Beiträge stellte das Audioteam eine Rotation aus sechs Spectera Handsendern, sechs Spectera SEK-Bodypacks für In-Ear-Monitoring sowie sechs Spectera Bodypacks mit Headset-Mikrofonen und In-Ears bereit.
Für Acts mit freien Händen kamen bidirektionale Spectera Bodypacks mit Headmic 4 in Nierencharakteristik zum Einsatz. Für Künstler*innen mit Handsender wurden Vorserienmodelle des Spectera Handsenders mit Neumann KK 105 A Supernieren-Kapsel genutzt.
Jonas Næsby: „Für Künstler*innen, die beide Hände frei haben wollten, setzten wir den bidirektionalen Spectera Bodypack mit einem Headmic 4 mit Nierencharakteristik ein. Dieses Mikrofon leistete einen wesentlichen Beitrag zur Gesamtklangqualität, da es auch in unmittelbarer Nähe zur PA und trotz Windmaschinen hervorragend übertrug. Für diejenigen, die einen Spectera Handsender bevorzugten, hatten wir die noch nicht offiziell vorgestellte Neumann-Kapsel KK 105 A dabei. Deren Supernieren-Charakteristik reduzierte seitliche Einstreuungen und Raumanteile deutlich. Keine andere TV-Produktion arbeitet mit einem derart hohen Maß an Redundanz wie der Eurovision Song Contest. Für nahezu jeden Teil des Setups gibt es ein volles Backup, das sofort übernehmen kann. Tatsächlich gibt es nur zwei Elemente, wo das nicht möglich ist: die Künstler*innen selbst und deren Handsender – und genau das macht letzteren zum wichtigsten Glied in der Signalkette. Der Spectera-Handsender hat sich schnell als optimale Lösung erwiesen. Die außergewöhnliche HF-Stabilität der Breitbandübertragung und die Multi-Antennenfähigkeit gab der Produktion sofort die Sicherheit, dass der ORF mit dem Einsatz der Vorserienmodelle bei einer Show dieser Größenordnung die richtige Entscheidung getroffen hat.“
Volker Schmitt, Sebastian Georgi, Jan Watermann (Foto: © Adrian Almasan)Systemdaten statt Fehlersuche auf der Bühne
Spectera lieferte dem Team kontinuierlich Daten zu System- und Gerätezuständen. Dadurch konnten bestimmte Probleme aus dem Sound Room heraus erkannt und eingegrenzt werden.
Volker Schmitt: „Spectera hat allen Beteiligten die Arbeit erleichtert. Den Künstler*innen, die vom außergewöhnlich klaren, räumlichen In-Ear-Sound begeistert waren und bei Verwendung eines Headsets nur noch einen einzigen Bodypack im Kostüm unterbringen mussten. Dem Ankleide-Team, das ebenfalls von der vereinfachten Handhabung profitierte. Und nicht zuletzt uns, da Spectera uns kontinuierlich wichtige System- und Gerätezustandsdaten lieferte.“
Volker Schmitt weiter:
„Während der Proben gab es eine Situation, in der ein Artist auf der Bühne sagte: ‚Ich höre mich nicht‘“, berichtete Schmitt. „Früher hätte das bedeutet, dass wir sofort aus dem Sound Room auf die Bühne hätten eilen müssen, um zu schauen, was für ein Problem der Bodypack hat. Jetzt konnten wir die Ursache direkt in der Spectera Software erkennen und haben die Liaison-Managerin gebeten, die In-Ears wieder in den Bodypack einzustöpseln. Fertig. Es gab keine Panik, alle blieben ruhig – das hat uns ein sehr gutes Gefühl für die gesamte Produktion gegeben.“
Auch Kostümwechsel ließen sich mit den Systemdaten besser absichern.
Volker Schmitt: „Ein Act hat dreimal das Kostüm gewechselt – was in einer Live-Produktion schnell zu Fehlern führen kann. Früher hatten wir keinerlei Feedback vom Bodypack darüber, wie sich so ein neues Kostüm auf die Funkstrecke auswirkt. In diesem Fall war es zudem mit Metall-Elementen besetzt, was uns als Funkexperten besonders nervös machte. Mit Spectera konnten wir jetzt sofort erkennen, wenn sich die HF-Performance verschlechterte, und gegensteuern, noch bevor der Act überhaupt etwas bemerkte. Spectera erhielt großes Lob von den Engineers, den Produktionsteams und den Delegationen gleichermaßen – für die kristallklare Audioqualität, die zuverlässige Übertragung und die außergewöhnliche HF-Stabilität bei einer der anspruchsvollsten und renommiertesten Live-Musikübertragungen der Welt.“
Spectera Bodypacks und HandsenderVom ESC 2014 zur Breitbandtechnologie
Die Verbindung zwischen Spectera und dem Eurovision Song Contest reicht technisch bis 2014 zurück. Die Sennheiser Entwickler Jan Watermann und Sebastian Georgi arbeiteten damals an Lösungen für Fading-Probleme in einer ehemaligen Werfthalle in Kopenhagen.
Sebastian Georgi, Entwickler Sennheiser WMAS: „Ein einzigartiges Event – und wir freuen uns sehr, dass das System hier zum Einsatz kam.“
Jan Watermann, Entwickler Sennheiser WMAS: „Tatsächlich war es der ESC 2014 in Kopenhagen, bei dem massive Fading-Probleme dazu führten, dass ich spezielle Software-Anpassungen für Digital 9000 entwickeln musste. Der Contest fand in einer ehemaligen Werfthalle statt – 160 mal 160 Meter, komplett aus Metall. Funk funktionierte dort praktisch nicht: weder Kommunikationsfunk noch Polizeifunk noch irgendein Behördenfunk. Wir brachten Digital 9000 schließlich durch spezielle Filter und optimierte Antennenpositionen zum Laufen.“
Jan Watermann weiter: „Man kann also sagen, dass der ESC die Geburtsstunde von Spectera war. Denn genau dort beschlossen wir, die Fading-Problematik grundlegend neu anzugehen. Man kann bei klassischen Drahtlossystemen zwar mehr Antennen einsetzen, aber das beseitigt nicht das ursächliche Problem, nämlich die Fading Notches, also tiefe Einbrüche in der Empfangsleistung, und die Phasenauslöschungen. Unser Ziel war es, diese an der Wurzel zu eliminieren.“
Sebastian Georgi ergänzt: „So begannen wir mit der Entwicklung von Breitbandtechnologie für professionelle Audioanwendungen. Der Anfang war, einen 8 MHz breiten HF-Kanal zu nutzen, bei dem Fading-Notches keine Rolle mehr spielen. Um diese Kanalbreite effizient zu nutzen, mussten wir Mikrofone anders multiplexen – das brachte uns zur Idee mit den Zeitschlitzen, und daraus hat sich dann alles weitere entwickelt.“
2016 kehrten Watermann und Georgi mit einem WMAS-Demonstrator in die ehemalige Werft zurück.
Sebastian Georgi: „Mit nur einer Antenne konnten wir die gesamte Halle abdecken! Das war das erste Mal, dass ich Jonas Næsby zu Tränen gerührt gesehen habe. Diese Werft ist wie ein Faradayscher Käfig – und wir hatten sofort perfekte Abdeckung.“
Keine Phasing-Probleme bei mehreren Mikrofonen
Neben Fading löst Spectera auch Phasenprobleme bei mehreren gleichzeitig genutzten Mikrofonen. Die synchronisierte Arbeitsweise des TDMA-Verfahrens ermöglicht es, interne Takte der Mikrofone zu synchronisieren.
Jan Watermann: „Das zweite Problem, das wir gelöst haben, sind die Phasenprobleme, die Clock-Synchronisation digitaler Systeme – also die Tatsache, dass sich Phasen auslöschen können, wenn mehrere Signale zusammentreffen. Herkömmliche digitale Mikrofone verfügen über einen Taktgeber, der einfach lossendet. Nominell haben die Mikrofone zwar die gleiche Sample Rate, aber natürlich sind sie nicht perfekt synchron. Um sie gemeinsam ausgeben zu können, müsste ich jedes Signal separat konvertieren, denn ich kann dem Mikrofon ja schlecht sagen, es soll etwas schneller oder langsamer arbeiten – es sendet einfach, und man muss die Signale so verarbeiten, wie sie eintreffen.“
Jan Watermann führt aus:„Ein klassisches Beispiel für solche Phasing-Probleme ist ein Moderator im Broadcast-Bereich, der über ein Headset mikrofoniert ist und gleichzeitig ein Handmikrofon für Interviews nutzt. Während des Gesprächs vergisst der Moderator häufig, dass er bereits mikrofoniert ist, und spricht aus Gewohnheit auch in das Handmikrofon. Der Toningenieur erhält somit das Signal des Moderators über das Headset und das Handmikrofon – also zwei Signale. Im Mischpult führt das zu Auslöschungen innerhalb des Frequenzspektrums. Dann klingt es plötzlich ganz komisch phasig. In der Regel reagiert der Toningenieur sehr schnell und zieht einen der Fader herunter – doch für einige Sekunden ist dieser Phasing-Effekt hörbar.“
Sebastian Georgi: „Für Spectera mussten wir für unser TDMA-Verfahren ohnehin synchronisiert sein – dadurch konnten wir auch die internen Takte der Mikrofone synchronisieren. Deshalb gibt es keinerlei Probleme mit Phasing mehr, alle Mikrofone können einfach zusammengemischt werden. Das ist nicht nur Theorie: Bei unserem Demonstrator haben wir mit fünf offenen Mikrofonen gearbeitet – mehrere Leute haben reingehört und von sich aus gesagt: ‚Krass, da ist kein Phasing mehr drauf!‘“
Jan Watermann und Sebastian Georgi: „Hier schließt sich der Kreis für Spectera“, so das Fazit der Entwickler. „Die Entwicklung begann als Antwort auf die Fading-Probleme im Vorfeld eines ESC – und beim Eurovision 2026 ist Spectera dabei, löst diese Probleme, vereinfacht Workflows und liefert außergewöhnliche Audioqualität für Künstler*innen und Publikum gleichermaßen.“
Jonas Næsby: „Sennheiser hat diese Show in den 80er Jahren drahtlos gemacht, sie 2013 mit der Einführung von Digital 9000 digitalisiert – und setzt heute mit Spectera auf modernste Sennheiser WMAS-Technologie.“
Genutztes Sennheiser Equipment beim ESC 2026
Beim Eurovision Song Contest 2026 kamen vier aktive Spectera Base Stations mit jeweils einem HF-Kanal zum Einsatz. Eine weitere Spectera Base Station wurde zum Scannen genutzt.
Zum System gehörten 46 Spectera SKM-Handsender mit Neumann KK 105 A Supernieren-Kapsel sowie 101 bidirektionale Spectera SEK Bodypacks. Zusätzlich wurden Headmic 4 Mikrofone mit Nierencharakteristik eingesetzt. Für Orchester und Tänzer*innen während der Eröffnung und der Pausen kamen IE 100 PRO In-Ears und EK 2000 IEM Bodypacks zum Einsatz.