Mit dem Weihnachtsmusical Pinocchio hat Shakespeare’s Globe im Dezember 2025 einen ungewöhnlichen Schritt vollzogen. Das traditionsreiche Freilichttheater in London, das als detailgetreue Rekonstruktion eines elisabethanischen Hauses für die unverstärkte menschliche Stimme konzipiert ist, setzte für die Familienproduktion auf eine temporäre Beschallung. Zum Einsatz kam das objektbasierte räumliche Audiosystem L-ISA Hyperreal von L-Acoustics, das den Klang so natürlich wie möglich in die besondere Architektur des Globe integrieren sollte.
Das Ziel war klar umrissen: Live-Band, Gesang und ein junges Publikum sollten auch im winterlichen Open-Air-Betrieb ein hochwertiges Hörerlebnis erhalten, ohne die Struktur, Ästhetik oder akustische Identität des Theaters sichtbar oder hörbar zu verfremden. Die Beschallung sollte nicht dominieren, sondern der Geschichte dienen.
Ein Theater mit besonderen akustischen Bedingungen
Shakespeare’s Globe zählt zu den architektonisch und akustisch markantesten Veranstaltungsorten weltweit. Das Haus ist als Nachbau des elisabethanischen Freilichttheaters errichtet, in dem Werke wie „Hamlet“, „Julius Caesar“ und „König Lear“ uraufgeführt wurden. Gebaut aus englischer Eiche mit historischen Zapfenverbindungen und mit Strohdach versehen, bleibt es bis heute ein Sonderfall in London.
Die kreisförmige Struktur umgibt das Publikum auf drei Seiten um eine weit nach vorne ragende Bühne. Rund 600 Besucher stehen im offenen Parkett, weitere 1.000 sitzen auf drei übereinander angeordneten Galerierängen. Die vordersten Logen liegen nur wenige Meter von den Darstellern entfernt. Dieser Raum ist auf akustisches, direktes und unverstärktes Erzählen ausgelegt.
Warum Pinocchio eine Ausnahme erforderte
Mit „Pinocchio“ stand im Weihnachtsprogramm 2025 eine neue Musicalproduktion für Familien auf dem Spielplan. Das Kreativteam sah schnell, dass die Mischung aus Live-Band, Gesang und winterlichem Freilichtbetrieb eine Beschallungslösung erforderlich machte. Gleichzeitig sollte das typische Globe-Erlebnis für das Publikum erhalten bleiben.
Will McGonagle, Hire Manager bei Autograph Sound: „Die Entscheidung, diese Produktion im Globe zu beschallen, wurde nicht leichtfertig getroffen.“
Seit der Wiedereröffnung 1997 setzt das Globe konsequent auf den unverstärkten akustischen Raum. Entsprechend hoch waren die Anforderungen an jede technische Lösung.
Will McGonagle: „Seit der Wiedereröffnung im Jahr 1997 hat sich das Theater für einen unverstärkten akustischen Raum eingesetzt. Das Publikum kommt ins Globe und erwartet ein Erlebnis, das dem zu Shakespeares Zeiten ähnelt – akustisches, lebendiges Geschichtenerzählen. Wir wussten, dass jedes Sounddesign sich seinen Platz verdienen musste, ohne die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Die Vorgabe lautete daher, für ein Familienpublikum Verständlichkeit und musikalische Klarheit zu erreichen und dabei völlig unsichtbar zu bleiben.“
Tony Gayle entwickelt ein transparentes Sounddesign
Für die Umsetzung wandte sich Shakespeare’s Globe an Tony Gayle, dessen Arbeit an „Mein Nachbar Totoro“ bereits große Beachtung gefunden hatte. Unterstützt wurde das Projekt von Autograph Sound und L-Acoustics. Für die Beteiligten stand ein Sounddesign im Mittelpunkt, das nicht nach Technik klingt, sondern das Bühnengeschehen stützt.
Toby Chester, Global Application Lead für Musicals bei L-Acoustics: „Das Team suchte nach etwas Ähnlichem für ‚Pinocchio‘. Es musste transparent und natürlich klingen, insbesondere bei den Gesangspassagen. Gayles Fachwissen war eine willkommene Bereicherung.“
L-ISA Hyperreal erwies sich dafür als geeignete Lösung, weil sich einzelne Klangquellen über eine Multi-Array-Konfiguration so im Raum verteilen lassen, dass das Gehörte enger mit dem auf der Bühne Gesehenen zusammenfällt.
Modellierung in Soundvision für ein offenes Holztheater
Das Globe stellte das Team vor mehrere Herausforderungen. Der offene, kreisförmige Zuschauerraum reagiert anders als ein konventionelles geschlossenes Theater. Wind, Wetter und die natürliche Akustik der Holzkonstruktion beeinflussen die Schallausbreitung deutlich. Gleichzeitig musste eine gleichmäßige Abdeckung vom Orchestergraben bis in alle drei Galerieränge erreicht werden.
Toby Chester: „Das größte Problem war wahrscheinlich, wie es aussehen würde Die Technik durfte nicht zu industriell wirken. Das Theater ist ein geschichtsträchtiges Holzgebäude. Verständlicherweise wollte das Produktionsteam dort nicht viel Equipment sehen.“
Weihnachtsmusical „Pinocchio“ im Shakespeare’s Globe in LondonZur Planung modellierten L-Acoustics, Autograph Sound und Tony Gayle den Raum mit Soundvision und entwickelten mehrere Konfigurationsvarianten für die Teams von Globe und „Pinocchio“. Zusätzlich wurden physische Lautsprecher an den Spielort gebracht, damit Größe und optische Wirkung vor Ort beurteilt werden konnten. Die schließlich ausgewählten Lautsprecher in dunkelbrauner Ausführung fügten sich unauffällig in die Architektur ein.
Fünf X12 und 113 5XT für die räumliche Verteilung
Das finale System wurde von Autograph geliefert sowie von einem eng mit Tony Gayle arbeitenden Audio-Team vorbereitet und installiert. Fünf X12 bildeten das Hauptsystem über der Bühnenvorderkante. Zwei KS21-Subwoofer ergänzten den Tieftonbereich und hielten den Bass auch in der Open-Air-Situation kontrolliert.
Besonders prägend war das räumliche Fill-System in den Galerielogen. Über drei Ebenen im Zuschauerraum verteilt erhielt jede einzelne Loge drei 5XT. Insgesamt kamen 113 dieser Lautsprecher zum Einsatz. Für Zuschauer in den oberen Logen, in denen das Hauptsystem der Bühne teilweise verdeckt ist, übernahmen diese Fills das gesamte Klangerlebnis. Damit entstand nach Angaben von L-Acoustics das bislang größte räumliche Fill-System dieser Art des Herstellers.
Netzwerk, Verstärker und Redundanz
Die Systemarchitektur basierte auf einem L-ISA Processor II. Für Signalverteilung und Ansteuerung kamen LA7.16-Verstärker-Controller und LS10-Switches in einem redundanten Milan-AVB-Netzwerk zum Einsatz.
Toby Chester: „Durch den Einsatz der LA7.16-Verstärker konnten wir unseren Gesamtstromverbrauch deutlich senken und unseren Platzbedarf im Technikbereich im Vergleich zu herkömmlichen Verstärkern um mehr als die Hälfte reduzieren. Die Verstärker wurden in L-Acoustics LARAKIII-Systemen eingebaut, die bereits über eine doppelte redundante AVB-Konnektivität mit LS10-Netzwerk-Switches sowie zusätzliche AES/Analog-Fallback-Fähigkeiten verfügen, was den Zeitaufwand für die Vorbereitung und Programmierung der Geräte im Lager reduziert.“
Vier Sound Spaces für einen angepassten Mix
Innerhalb von L-ISA wurden vier separate Sound Spaces konfiguriert. Neben einem Haupt-Sound-Space für das primäre Scene-System erhielt jede zentrale Box einen eigenen Bereich. Zusammen mit der Source-Trims-Funktion ließ sich der Mix an unterschiedliche Hörpositionen anpassen. Das war vor allem für Plätze nahe der Bühne relevant, an denen die Band akustisch direkter wahrgenommen wurde.
So konnte das Team den Mix für jeden Bereich des Hauses gezielt abstimmen und die Balance zwischen direktem Bühnenschall und verstärktem Signal kontrolliert gestalten.
Die Technik bleibt im Hintergrund
Für das Kreativteam erfüllte das Ergebnis die Erwartungen. Publikum, musikalische Leitung und kreative Verantwortungsträger bewerteten die Umsetzung positiv. Entscheidend war dabei nicht allein die technische Leistung, sondern die Tatsache, dass die Beschallung nicht als Fremdkörper wahrgenommen wurde.
Toby Chester: „Der 5XT ist ein bemerkenswert kompakter Lautsprecher. Klein genug, um in einer Galeriebox Platz zu finden, ohne die Architektur zu stören. Diese physische Unauffälligkeit war es, die das Fill-System im Globe überhaupt erst möglich machte. Gemeinsam mit Autograph konnten wir durch ein professionelles Soundsystem, das der Produktion diente, Feinheiten vermitteln, ohne die Identität des Globe oder das Erlebnis des Publikums zu beeinträchtigen.“
Am Ende hörte das Publikum die Geschichte von „Pinocchio“ und nicht das System dahinter. Genau darin lag die zentrale Anforderung dieses Projekts. Nach dem Erfolg der Produktion kehrt „Pinocchio“ 2026 zurück.