StreamGig Dieburg bringt Kultur in die Wohnzimmer

StreamGig Dieburg

Das vergangene Jahr war ein ganz Besonderes für die Kulturbranche. Festivals, Konzerte, große Menschenmassen, lautstarker Applaus waren und sind aktuell nicht möglich. Aus diesem Grund wollten sieben junge, südhessische Veranstaltungstechniker und Musikliebhaber eine Alternative bieten. Es sollte doch irgendwie möglich sein, Kultur ohne Gesundheitsrisiko in die heimischen vier Wände zu bringen.

„Konzerte zu den Besuchern bringen“

So entstand die Idee für StreamGig Dieburg. Aus einer Schnapsidee entwickelte sich ein Liveprojekt, das sich inzwischen auch durch einige lokale Medien einer gewissen Reichweite erfreut. 

„Wenn die Besucher nicht auf Konzerte gehen dürfen, müssen wir die Konzerte zu den Besuchern bringen.“, so das Gründungsmitglied Tom Lucas Kirschstein.

Die anfängliche Schwierigkeit bestand darin, eine geeignete Location zu finden und das Projekt ohne großen finanziellen Aufwand durchzuführen. Nach etwas Recherche fand sich ein Lager, das einem Freund gehörte und aufgrund der Pandemie nicht benutzt wurde. Das Team richtete sich in einen Teil des Lagers ein, um dort das kleine Streaming-Setup aufzubauen. Sechs Monate und 21 Streams später hat das Setup nun professionellere Ausmaße angenommen.

StreamGig Dieburg

„Wir kommen alle aus dem Live-Business und verbringen normalerweise unseren Sommer auf Festivalbühnen, den Herbst in Messehallen und den Winter auf den Weihnachtsfeiern großer Firmen.“, sagt Tim Löw, Tontechniker und technischer Leiter. „Jeder Einzelne von uns hat von Stream zu Stream dazugelernt und Verbesserungsvorschläge für das nächste Wochenende geliefert.“

Auch die junge Crew ist mit der Zeit gewachsen. Von anfänglich drei auf mittlerweile sieben Techniker. Erwähnenswert ist die Tatsache, dass die Mitglieder zwischen 17 und 25 Jahre alt sind. Mittlerweile findet jeden Samstag zur Primetime ab 20:15 Uhr ein Livestream mit Künstlern aus allen Genres statt. Damit soll ein breit gefächertes Publikum abgedeckt werden. Im Studio waren neben DJs, Rockbands und Singer-Songwriter auch schon bekannte regionale Größen wie das 8-bit Chiptune Duo pornophonique.

Spenden und Solidarität

Den Veranstaltungstechnikern ist es in erster Linie wichtig, die Kultur zu erhalten und den Menschen den Lockdown attraktiver zu gestalten. „Natürlich haben wir uns anfangs gefragt, ob man das Projekt wirklich kostenlos anbieten soll. Wir spielen damit der Regierung in die Hände, die unsere Branche zu großen Teilen im Regen stehen lässt. Doch nach einigen intensiven Gesprächen haben wir uns für die kostenlose Variante entschieden und tragen damit einen Teil zur Solidarität in unserer Branche bei.“ so Jacob Hartmann, erster Kameramann in der Crew.

Ein wichtiger Punkt ist die Unterstützung von befreundeten Firmen, ohne die das Projekt nicht stattfinden kann. Da jeder der sieben Initiatoren entweder nebenberuflich oder hauptberuflich als Veranstaltungstechniker unterwegs ist, kommen mittlerweile einige – genau genommen elf Firmen – zusammen. Es gibt auch einen Spendenlink, bei dem die Zuschauer ihre Solidarität zeigen können. Die Einnahmen dienen oft lediglich der Verpflegung vor Ort und werden für Werbemittel genutzt.

StreamGig Dieburg

Die Technik hinter dem Stream

Tontechniker Tim Löw entschied sich bei der Realisierung des Projektes für eine Allen & Heath SQ-6, da diese trotz ihrer kompakten Abmessung schnell und flexibel bedienbar ist. Die Herausforderung besteht darin, einen gut gemasterten Mix in den Stream zu geben, um Pegelschwankungen und sonstige Probleme beim Hörer zu vermeiden. Für diese Aufgabe wurde ein SPL Vitalizer im externen Mastering-Rack eingesetzt. Im Studio sind feste Cat 6a-Strecken für Stageboxen und sonstige Verteiler vorgesehen und im Rigg sind Kondensatormikrofone fest verbaut, um den Ambience-Sound in den Stream einzubringen.

Die Crew (v.l.n.r.): Jacob Hartmann, Tom Lucas Kirschstein, Tim Löw, Justus Primozic, Nils Radigk, Thilo Billerbeck

Das Licht-Setup besteht aus 14 Movinglights von Showtec, 15 LED Pars, einige 500 W Par Lampen als ACL-Sets und Blinder, acht LED Bars für die Floor- und Kulissenausleuchtung und einem Tourhazer. Der ganze Aufbau wird aus der Regie mit einer grandMA Dot2 XL-F gesteuert.

Bei einem Livestream ist die Videotechnik das Aufwändigste. Dabei setzt StreamGig Dieburg auf acht Kameras von GoPro, Blackmagic Design, Marshall und Sony. Zwei davon sind bemannt und ein Teil im Rigg über und vor den Künstlern festinstalliert. Gesteuert wird alles über drei Bildmischer in der Videoregie, an denen die Operatoren den Kameraschnitt, die Grafikzuspielungen und den Upstream verwalten. Zwei Kameraleute sind mit den mobilen Kameras von Sony aus dem unterwegs, um die besten Bilder aus verschiedenen Blickwinkeln einzufangen. Die animierten Grafiken, die als vorproduzierte Videos oder auch als HTML-Dateien vorliegen, werden mit der Software CasparCG eingespielt. Das fertigproduzierte Bild und Tonmaterial wird am Ende mit einen Encoder in 1080p 50fps synchronisiert und an einen eigens dafür bereitgestellten Server gesendet.

Das Hygienekonzept

Im Studio herrscht durch ein Hygienekonzept hohe Sicherheit. Im Studio wurde eine generelle Maskenpflicht umgesetzt (mit Ausnahme der Musiker auf der Bühne). Alle verwendeten Mikrofone werden vor dem Gebrauch desinfiziert und bei jedem Stream werden Kontaktlisten geführt, die zur Nachverfolgung der Infektionsketten aufbewahrt werden. Trotz all dieser Mühen ist es aktuell nicht möglich die Personenbeschränkungen einzuhalten. Das Projekt ruht derzeit und wartet auf den Restart.

„Natürlich ist es gerade in der Zeit des harten Lockdowns schade auf dieses Kulturangebot verzichten zu müssen. Wir sind der Meinung, dass Gesundheit selbstverständlich wichtiger ist. Wir treffen weitere Maßnahmen und hoffen, in Kürze die Tätigkeit wieder aufnehmen zu können.“, so Tim Löw.

Die Crew

  • Technischer Leiter (Ton & Booking): Tim Löw
  • Technischer Leiter (Video), Gründungsmitglied: Tom Lucas Kirschstein
  • Lichtoperator: Nils Radigk
  • Streamingoperator: Thilo Billerbeck
  • Kameramann 1: Justus Primozic
  • Kamermann 2: Jacob Hartmann und Leon Friedrich